Mein Sohn ist 5,5 Jahre alt und seit etwa zwei Jahren bekommen wir zunehmend Rückmeldungen über Schwierigkeiten im Sozialverhalten in der Kita.
Er besucht seit seinem ersten Lebensjahr eine Kita. Mit etwa vier Jahren fing es an, dass er andere Kinder häufiger schubste oder schlug, teilweise scheinbar ohne für uns nachvollziehbaren Anlass, z. B. im Vorbeigehen. Wenn er mitspielen möchte, geht er oft nicht auf die Kinder zu und fragt, sondern ärgert sie, macht Spielzeug kaputt oder droht etwa: „Wenn du mich nicht mitspielen lässt, mache ich dein Spielzeug kaputt.“
Wenn Erzieher ihn auf solche Situationen angesprochen haben, hat er sich teilweise unter dem Tisch versteckt. Auch wenn andere Kinder ihn geärgert haben, hat er sich kaum Hilfe bei den Erziehern gesucht.
Ein Beispiel: Ein Mädchen stand länger auf einer Rutsche. Weil er wollte, dass sie weitergeht, schubste er sie von hinten, sodass sie die Rutsche herunterfiel. Er scheint seine Kraft und teilweise auch die Folgen seines Handelns schlecht einzuschätzen.
Kognitiv ist er dagegen sehr weit entwickelt. Mit 5,5 Jahren kennt er alle Buchstaben, liest selbstständig und rechnet bereits. Er ist sehr wissbegierig, hinterfragt viel und möchte Dinge wirklich verstehen. Sein älterer Bruder ist hochbegabt.
Da die Rückmeldungen aus der alten Kita immer negativer wurden und sogar andere Kinder zu uns kamen und sagten, unser Sohn sei „böse“, entwickelte er irgendwann Bauch- und Ohrenschmerzen und wollte nicht mehr in die Kita. Deshalb haben wir vor etwa sechs Wochen die Kita gewechselt.
Auch in der neuen Kita treten die Schwierigkeiten weiterhin auf: Er schubst oder schlägt gelegentlich, macht Dinge kaputt oder findet schwer eigene Spielideen. Gleichzeitig beobachten die Erzieher, dass er sich eigentlich häufig zurückziehen möchte, den Absprung aber nicht schafft. Wenn es ihm zu viel wird, sagt er selbst, dass es ihm zu laut ist. Mit ein oder zwei Kindern funktioniert es meistens deutlich besser, in größeren Gruppen häufen sich die Probleme.
Er geht außerdem sehr häufig zur Toilette, obwohl er nicht entsprechend viel trinkt. Die Erzieher vermuten, dass er diese Momente möglicherweise als eine Art Rückzug nutzt.
Wir haben bereits sehr viel versucht. Wir haben unzählige Elternratgeber und Bücher über Kinderpsychologie gelesen, uns intensiv mit dem Thema beschäftigt und verschiedene Strategien ausprobiert: klare Regeln wie „Hände bleiben bei dir“, Gespräche, Belohnungssysteme und ein Token-System. Er weiß und versteht, dass man andere Kinder nicht schlagen darf. Wenn wir ihn fragen, was in solchen Situationen in ihm passiert, beschreibt er es als „rotes Monster“, das in seinem Kopf einen Knopf drückt und ihn wütend macht.
Was uns zusätzlich auffällt: Wenn wir Situationen aus der Kita zu Hause in einer ruhigen Situation besprechen möchten, macht er häufig die Ohren zu, legt die Hände auf seine Ohren und möchte gar nicht zuhören. Es wirkt dann nicht so, als würde er die Situation nicht verstehen, sondern eher, als könne oder wolle er sich mit dem Thema in diesem Moment überhaupt nicht auseinandersetzen.
Wir leben in einem gewaltfreien Haushalt und haben ihm von klein auf einen respektvollen Umgang mit anderen vorgelebt. Trotzdem kommen wir mit unseren eigenen Möglichkeiten inzwischen an unsere Grenzen.
Wir haben bereits versucht, therapeutische Unterstützung zu bekommen. Ergotherapie in der Kita haben wir ausprobiert, die Therapeutin hat aber keinen Handlungsbedarf gesehen. Frühförderung wurde abgelehnt, da er weder sprachliche noch motorische Einschränkungen habe und seine Schwierigkeiten ausschließlich im sozial-emotionalen Bereich lägen.
Wir stehen seit etwa einem Jahr auf der Warteliste für einen Kinderpsychiater und haben nun in einigen Wochen endlich einen Termin.
Zu Hause ist die Situation deutlich unauffälliger. Natürlich gibt es auch Wutanfälle und gelegentlich versucht er, seine Geschwister zu hauen, aber wir können ihn dort meist gut auffangen. Auch die Kita sagt, dass es mit ein oder zwei Kindern meistens funktioniert und die Probleme vor allem in größeren Gruppen auftreten.
Ich mache mir inzwischen große Sorgen wegen der Einschulung im nächsten Jahr. Kognitiv ist er sehr weit, sozial-emotional habe ich dagegen große Bedenken. Besonders belastet mich, dass inzwischen einige Kinder in der neuen Kita gesagt haben sollen, dass sie Angst vor ihm haben. Er bekommt das natürlich mit.
Ich habe zunehmend das Gefühl, dass er zwar weiß, was richtig und falsch ist, es ihm aber in bestimmten Situationen nicht gelingt, sein Verhalten zu steuern. Gleichzeitig verstehe ich nicht, warum es teilweise zu völlig scheinbar grundlosen Schubsern kommt.
Er ist sonst sehr offen, spielt Handball und Fußball und kommt dort super mit den Kindern klar.
Sehr geehrte Ratsuchende,
wenn Sie neu bei uns auf der Seite sind, begrüsse ich Sie herzlich als Moderatorin des Elternforums! Mit Ihrem Anliegen sind Sie hier willkommen!
Wie Sie schreiben, haben Sie einiges versucht und suchen gemeinsam mit Ihrem Fünfjährigen nach den Gründen für sein Verhalten.
Beim Lesen dachte ich mir, dass Sie sich als Eltern sicherlich viele Gedanken machen und Ihrem Sohn gerne helfen möchten, seine Impulse zu regulieren. Mir ist aufgefallen, dass Sie mit ihm gerne darüber sprechen wollen oder versuchen zu verstehen, warum? Dabei hält er jedoch seine Ohren zu. Wundern Sie sich bitte nicht darüber. Ich nehme an, dass er Ihnen einfach nicht erklären kann und nicht sagen kann, warum er jemanden geschupst hat oder geschlagen. Ihm dürfen die Worte dafür fehlen. Wenn Kinder in diesem Alter Trotzanfälle erleben, verlieren sie in der Regel Kontakt zu sich selbst und der Außenwelt. Es geht dabei auch nicht um Respektlosigkeit oder fehlende Empathie. In der Regel geht es in diesem Alter um starke Gefühle: Gefühle von Enttäuschung und Frust, aber auch Freude…Starke Gefühle! Noch kann Ihr Kind sie nicht immer selbst regulieren und braucht Unterstützung und Begleitung dabei.
Weil Sie schon so viel gelesen und unternommen haben, würde ich Ihre Aufmerksamkeit gerne auf das Thema „Trotzverhalten“ lenken und stark davon ausgehen, dass es um Trotzreaktionen geht und sie weiterhin begleitet und co-reguliert werden müssen. Sicherlich gibt es für solches Verhalten immer Ursachen und das Kind kann sie noch nicht gut alleine steuern. Sie können herausfinden, um welche Ursachen und um welche Not es sich handelt. Wenn es mit ihm Zuhause besser läuft als in der Kita, möchte ich Sie dazu einladen, etwas an Ihrem Umgang mit ihm Zuhause genauer unter die Lupe zu nehmen und zu schauen, wie es Ihnen Zuhause gelingt, ihn zu begleiten. Wie schaffen Sie das?
Wie erziehen Sie ihn und wie begleiten Sie ihn, wenn er Zuhause Grenzen testet oder Wutausbrüche hat?
Dazu fällt mir auch ein: „Wer schlägt - ist in der Not“. Wenn Sie seine Not „übersetzen“ würden, was glauben Sie: wie geht es ihm in der Kita und was macht ihm mit anderen Kindern so zu schaffen? Was ärgert ihn und frustriert ihn? Was glauben Sie: wie geht es ihm in der neuen Kita? Auch habe ich mich gefragt, ob er Freunde hat: mag er einige Kinder? Wen? Wird er auch gemocht und eingeladen? Wen würde er als Freund/in bezeichnen?
Ich hoffe, dass Sie für sich als Eltern einen Weg finden, um ihm dabei zu helfen, seine starken Gefühle zu regulieren. Er muss es in diesem Alter noch nicht können und darf noch Trotzreaktionen zeigen. Sie helfen ihm noch dabei, sie zu regulieren.
Hoffe, Sie bekommen bei uns auf der Seite Ideen und etwas Entlastung. Er ist nicht böse oder falsch. Er muss nur lernen, mit seinen Gefühlen anders umzugehen. Dabei helfen Sie ihm auch als Eltern.
Freundliche Grüsse
bke-Kira-Morgenthal